Jubiläumsjahr des polnischen Schulvereins Oświata e.V. in Berlin

2008 feierte der Oświata e.V. sein 20-jähriges Bestehen, nachdem er 1988 wiedergegründet worden war. Damals erschien die Jubiläumsausgabe „Oświatowe To i Owo“, die ich zusammen mit Anna Jas herausgegeben habe. Es war ein Newsletter, der in unserer Gesellschaft schon seit Ewigkeiten herausgegeben wurde. Seiner Geschichte werde ich einen eigenen Text widmen, aber jetzt möchte ich mich auf diese Jubiläumsausgabe konzentrieren, und zwar auf den Artikel, den die nicht zu vergessende Halina Rometzki geschrieben hat. Ich hatte die Ehre, Halina Rometzki kennenzulernen, eine außergewöhnliche Person, eine wahre Schatzkammer des Wissens. Sie war Mitglied beim Bund der Polen in Deutschland und vor allem ein Gründungsmitglied des polnischen Schulvereins Oświata e.V.  in Berlin unter der Mitgliedsnummer 4.

1988 – 2008: Zwanzigjahrfeier der Wiedergründung des Oświata e.V. in Berlin

Die Geschichte der Gründung polnischer Schulvereine in Deutschland reicht zurück bis ins 18. Jahrhundert. Die Teilungen Polens, die wirtschaftliche Migration und der Zustrom polnischer Studenten nach Berlin schufen das Bedürfnis, ihre Identität im Ausland zu bewahren. So wurden Schulen gegründet, um das Schreiben und Lesen zu vermitteln, Chöre und andere Organisationen. Im Jahr 1896 wurde in Berlin der polnische Schulverein Oświata e.V. gegründet, dessen Ziel es war, die polnische Sprache, Kultur und Tradition zu bewahren.

Im Jahr 1918 erlangte Polen seine Unabhängigkeit zurück. Infolge des Versailler Vertrags sind anderthalb Millionen Polen in den an Deutschland abgetretenen Gebieten verblieben. Sie wurden ihres Heimatlandes und der polnischen Sprache beraubt und sie verloren das Recht, Polnisch zu lernen. 1922 wurde zur Verteidigung ihrer Identität der Bund der Polen in Deutschland ins Leben gerufen, der alle polnischen Organisationen und Vereine umfasst, darunter auch den polnischen Schulverein Oświata e.V.. Der Bund der Polen in Deutschland wurde im Dezember 1922 ins Vereinsregister eingetragen. Hierzu wurden ein Bildungswesen, Genossenschaften und Banken organisiert. Der Vorstand dieses Bundes bemühte sich um die Anerkennung der Polen als nationale Minderheit. Die Weimarer Republik erkannte die Minderheit innerhalb ihrer Grenzen jedoch nicht an. Ebenso wenig wollte der Völkerbund sie anerkennen.

Im Jahr 1924 wurde im Kampf um ihre Rechte der Bund der nationalen Minderheiten ins Leben gerufen, der die Polen, Sorben, Dänen, Friesen und Litauer angehörten. Infolge der Gründung dieses Bundes erkannten der Völkerbund und die Weimarer Republik schließlich nationale Minderheiten an. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden die Rechte der Minderheiten drastisch eingeschränkt. Die Polen setzten sich jedoch weiterhin dafür ein, die Rechte der polnischen Minderheit in Deutschland an die Rechte der deutschen Minderheit in Polen anzugleichen. Im Jahr 1937 gelang es der Delegation des Vereins sogar, von Hitler empfangen zu werden und übergab ihm ein Memorandum über die Notlage der Minderheit und die Verfolgung durch die Gestapo, aber wie vorherzusehen war, hat sich die Situation nicht geändert.

Nach dem Ausbruch des Krieges am 1. September 1939 wurden die Aktivisten des Bundes, Lehrer und Schüler der polnischen Schule verhaftet und ihr Eigentum beschlagnahmt. Die Aktivitäten des Bundes und des Oświata e.V. hörten auf zu existieren.

Nach Kriegsende war es trotz der Bemühungen des Bundes der Polen in Deutschland und anderer Organisationen nicht möglich, das polnische Bildungswesen in Berlin wiederaufzubauen. Dies hing mit der politischen Situation zusammen. Man darf nämlich nicht vergessen, dass damals der Westen und der Osten durch den „Eisernen Vorhang“ getrennt waren. Erst 1988 wurde dank der Bemühungen des Vorstands der Berliner Sektion des Bundes der Polen in Deutschland die Erlaubnis zum Unterricht der polnischen Sprache, Geschichte und Geographie erteilt sowie die kostenlose Zuteilung von 5 Klassen an der Paul-Simmel Grundschule im Bezirk Tempelhof. Die Genehmigung erhielten wir vom Regierenden Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit (2008). Der Wandel der Haltung der deutschen Behörden gegenüber Polen wurde verursacht durch politische Veränderungen in Polen, die Solidarnosc-Bewegung und das Kriegsrecht.

1988 – 2008

Nachdem die Erlaubnis zum Unterricht der polnischen Sprache erteilt wurde, lud der Vorstand der Berliner Sektion des ZPWN zu einem Treffen von Vertretern aller Berliner Organisationen und unorganisierten Polen ein, um gemeinsam den polnischen Schulverein Oświata e.V. zu gründen und zu reaktivieren. Gewählt wurde ein vorläufiger Vorstand, der die Aufgabe hatte, die Satzung des Vereins auszuarbeiten und zu registrieren. In der zweiten Sitzung wurden die von den deutschen Behörden empfohlenen Änderungen an der Satzung vorgenommen und der Vorstand gewählt. Wiesław Żabko wurde der erste Vorsitzende und Maria Drużycka die stellvertretende Vorsitzende. Der Unterricht an der Paul-Simmel-Grundschule begann mit 22 Schülern. Qualifizierte Lehrer erteilten den Unterricht auf freiwilliger Basis, wobei sie die Fahrt zur Schule aus eigener Tasche bezahlten. Der Vorstand hatte keine finanzielle Absicherung oder gar ein Büro für Schulmaterial. Zum Teil spendeten polnische Organisationen und Einzelpersonen Geld für den Anfangsbedarf. Es war ein sehr schwieriger Anfang, aber der Enthusiasmus des Vorstandes, der Lehrer und der Eltern brachte Ergebnisse.

Am 21. und 22. September 1996 organisierte der Oświata e.V. ein zweitägiges Symposium im Institut für Polnische Kultur in Berlin anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung des Vereins und des 5. Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrages vom 17. September 1991, dessen Bestimmungen für die Polen und ihre Familien sehr wichtig sind. Am Symposium nahmen 150 eingeladene Gäste aus Polen und Deutschland teil. Es wurde eine Resolution verabschiedet, in der die Berliner Behörden aufgefordert werden, kompetente Personen zu benennen, um mit dem Oświata e.V. Kontakt aufzunehmen und die notwendige finanzielle Unterstützung zu leisten, um die Aktivitäten zu stabilisieren und die Grundlagen zu schaffen, Lehrstellen zu erweitern. Dann wurde auf die Notwendigkeit hingewiesen, eine Organisation zu gründen, die alle Schulvereine in Deutschland zur Zusammenarbeit bewegt, Repräsentations- und Unterstützungsleistungen sowie: die Gründung neuer Organisationen in Deutschland, die Beschaffung von Mitteln, die sich aus den Verpflichtungen des deutschen Staates aus dem Vertrag und anderen Vereinbarungen zwischen der Republik Polen und der Bundesrepublik Deutschland ergibt.

In den 20 Jahren haben wir sehr viel erreicht. Heute haben wir 9 Unterrichtsstandorte in verschiedenen Bezirken Berlins. Nach einigen Jahren des Herumziehens mit Unterrichtsmaterialien wurde ein funktionelles Büro eingerichtet. Wir veranstalten Wettbewerbe der polnischen Rechtschreibung und einen Literaturwettbewerb. Organisiert wurden auch Bildungsexkursionen und Bezirksveranstaltungen. Des Weiteren ist die Theatergruppe „Bez Paniki“ aktiv.

Sicherlich habe ich nicht alle Errungenschaften des Oświata e.V. aufgezählt. Sie wurden durch harte Arbeit erreicht. Es liegen jedoch neue Aufgaben vor uns. Wir müssen uns jetzt um eine polnische Ganztagsschule von der Vorschule bis zum Abitur mit Polnisch als Unterrichtssprache und die Bereitstellung von Sportplätzen für die Jugend bemühen. Die Vermittlung der polnischen Sprache ist nicht nur Ausdruck einer weit verstandenen nationalen Identität und Kultur. Sie ist auch eine Frage des Respekts vor der Kultur anderer Nationalitäten und deren Beitrag zur Entwicklung und zum Leben in Berlin.

Ich möchte mich tief verneigen und all jenen herzlich danken, die in den vergangenen 20 Jahren zur Entwicklung des polnischen Schulvereins Oświata e.V. in Berlin beigetragen haben, den Vorständen, Lehrern, Elternbeiräten und Eltern.

Die besten Wünsche für die Zukunft im sozialen, beruflichen und persönlichen Leben von Halina Rometzki.

 

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